Kind übernimmt Verantwortung und steht allein vor einem See

Kinder stärken: Warum gute Schulbegleitung auch bedeutet, sich zurückzunehmen

Vor einigen Jahren waren meine Frau, unsere beiden Kinder und ich gemeinsam im Wald unterwegs. Eigentlich wollten wir wandern. Unsere Kinder hatten andere Pläne und wollten zwischen den Baumstämmen ein Tipi bauen. Also ließen wir sie bauen und warteten.

Nach einiger Zeit wollten meine Frau und ich nicht länger im kalten Schatten stehen und gingen ein Stück weiter in Richtung einer sonnigen Lichtung. Es gab nur diesen einen Waldweg und wir hatten ihn weiterhin im Blick. Die Kinder wussten, in welche Richtung wir gegangen waren und wo sie uns finden würden. Trotzdem schwang natürlich ein gewisses Restrisiko mit. Was passiert, wenn sie doch nicht kommen? Wie lange warten wir? Gehen wir zurück und holen sie?

Wir warteten. Irgendwann kamen unsere beiden Kinder völlig entspannt den Weg entlanggeschlendert. Für sie schien an der Situation überhaupt nichts Besonderes gewesen zu sein. Für uns schon. Bis heute finde ich die Frage interessant, wer in diesem Moment eigentlich mehr gelernt hatte: unsere Kinder, weil sie selbst Verantwortung übernehmen konnten, oder wir Eltern, weil wir ihnen zugetraut hatten, eine für sie gut zu bewältigende Situation selbstständig zu lösen?

Genau dieser Gedanke begegnet mir heute in einem ganz anderen Zusammenhang wieder.

Was braucht ein Kind wirklich von seiner Schulbegleitung?

Schulbegleitung bedeutet zunächst Unterstützung. Ein Kind oder Jugendlicher benötigt aufgrund seines individuellen Bedarfs Begleitung, damit der Schulalltag und die Teilhabe gelingen können. Daraus darf aber nicht automatisch entstehen, dass die Schulbegleitung möglichst viel übernimmt.

Für mich beginnt gute Schulbegleitung mit einer anderen Frage: Was braucht dieses Kind in dieser konkreten Situation von mir und was kann es bereits selbst?

Diese Unterscheidung ist entscheidend. Es gibt Situationen, in denen eine Schulbegleitung unmittelbar unterstützen, Orientierung geben oder Sicherheit herstellen muss. Und es gibt Situationen, in denen genau dasselbe Kind selbstständig handeln kann. Dann kann die richtige Unterstützung darin bestehen, sich zurückzunehmen. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil das Kind den Raum bekommen soll, seine eigenen Möglichkeiten zu nutzen.

Kinder brauchen Unterstützung und die Erfahrung, etwas selbst zu können

Wer einem Kind jede Schwierigkeit abnimmt, meint es möglicherweise gut. Gleichzeitig fehlt dem Kind damit eine wichtige Erfahrung: Ich habe das selbst geschafft. Genau diese Erfahrung kann Sicherheit und Selbstvertrauen entstehen lassen.

Das bedeutet nicht, ein Kind mit Situationen allein zu lassen, die es nicht bewältigen kann. Es geht auch nicht darum, notwendige Unterstützung möglichst schnell abzubauen. Ein Kind kann eine bekannte Situation heute vollkommen selbstständig bewältigen und bei einer ungeplanten Veränderung wenige Minuten später wieder Unterstützung benötigen.

Deshalb lässt sich gute Schulbegleitung für mich nicht daran messen, wie viel eine Begleitung tut. Entscheidend ist, ob sie erkennt, wann Unterstützung notwendig ist und wann das Kind selbst handeln kann.

Sich zurückzunehmen ist ebenfalls eine Aufgabe

Wer ein Kind regelmäßig begleitet, kennt seine Einschränkungen und Herausforderungen. Man weiß, wo Schwierigkeiten entstehen können. Dadurch liegt es nahe, frühzeitig einzugreifen. Genau hier braucht es Aufmerksamkeit für das eigene Verhalten.

Greife ich gerade ein, weil meine Unterstützung notwendig ist? Oder greife ich ein, weil ich bereits damit rechne, dass das Kind die Situation nicht selbst bewältigen kann?

Auch Zuschreibungen können dabei eine Rolle spielen. Aus einem früheren Beratungsgespräch ist mir der Satz einer Mutter im Gedächtnis geblieben: „Mein Kind ist schüchtern.“ Gleichzeitig sagte sie, dass sie ihrer Tochter selbst natürlich nicht sagen würde, dass sie schüchtern sei. Doch auch unausgesprochene Überzeugungen können beeinflussen, wie wir einem Kind begegnen. Wenn ich bereits davon ausgehe, dass ein Kind etwas nicht kann, werde ich möglicherweise schneller eingreifen. Wenn ich ihm etwas zutraue, gebe ich ihm eher die Gelegenheit, es selbst zu versuchen.

Wenn ein Begleitkind die Unterstützung plötzlich nicht braucht

Wie konkret das im Alltag werden kann, zeigte mir ein Anruf eines Mitarbeiters. Er berichtete mir, dass sein Begleitkind in einer bestimmten Situation seine Unterstützung überhaupt nicht benötigte. Eigentlich eine gute Nachricht. Für meinen Mitarbeiter fühlte sie sich zunächst nicht so an. Er fragte sich, ob seine Arbeit dann überhaupt noch gebraucht würde und machte sich Gedanken um seinen Arbeitsplatz.

Ich konnte ihn beruhigen. Das Kind hatte eine Sehbeeinträchtigung. Der grundsätzliche Unterstützungsbedarf verschwand nicht dadurch, dass es eine bestimmte Situation inzwischen selbstständig bewältigen konnte. Für mich zeigte die Situation vielmehr, worum es bei guter Schulbegleitung geht: Das Kind brauchte seinen Begleiter in diesem Moment nicht. Also bekam es den Raum, selbstständig zu handeln.

In einer Gefahrensituation oder bei ungeplanten Veränderungen kann das wenige Augenblicke später vollkommen anders aussehen. Dann ist die Schulbegleitung wieder gefragt. Sie steht zur Seite, gibt Orientierung und schafft Sicherheit. Gute Schulbegleitung passt ihre Unterstützung deshalb immer wieder daran an, was das Kind in der jeweiligen Situation tatsächlich braucht.

Das Ziel ist nicht möglichst wenig Unterstützung

Der häufig verwendete Gedanke „so viel Unterstützung wie nötig, so wenig wie möglich“ beschreibt für mich deshalb nur einen Teil der Aufgabe. Entscheidend ist nicht möglichst wenig Unterstützung, sondern die passende Unterstützung im richtigen Moment.

Eine gute Schulbegleitung muss das Kind kennenlernen. Sie muss beobachten, Entwicklungen wahrnehmen und unterscheiden können, wann Unterstützung Sicherheit schafft und wann das Kind den Raum braucht, etwas selbst zu bewältigen. Das kann bedeuten, unmittelbar einzugreifen. Es kann bedeuten, zu erklären oder Orientierung zu geben. Und manchmal bedeutet es, einen Schritt zurückzugehen und aufmerksam zu beobachten.

Nicht jede Situation ist gleich. Und nicht jedes Kind braucht in derselben Situation dieselbe Unterstützung.

Kinder stärken heißt auch, ihnen etwas zuzutrauen

Damals im Wald bestand unsere Aufgabe als Eltern irgendwann vor allem darin, zu warten. Wir hatten den Weg im Blick, die Situation war für unsere Kinder zu bewältigen und trotzdem blieb ein Restrisiko, das wir als Eltern aushalten mussten.

Heute begegnet mir derselbe Grundgedanke in der Schulbegleitung unter ganz anderen Voraussetzungen. Dort geht es nicht darum, ein Kind möglichst schnell unabhängig von seiner Begleitung zu machen. Es geht darum, notwendige Unterstützung zu geben, ohne dem Kind die Dinge abzunehmen, die es bereits selbst bewältigen kann.

Mein Mitarbeiter musste deshalb nicht befürchten, seine Aufgabe nicht mehr zu erfüllen, weil sein Begleitkind ihn in einer bestimmten Situation nicht benötigte. Im Gegenteil: Das Kind bekam in diesem Moment etwas, das mindestens genauso wichtig sein kann wie Unterstützung.

Den Raum, etwas selbst zu schaffen.

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